Cantus Firmus

Sinfonie für Orchester und Chor ad libitum

Das Stück wurde im Auftrag des Festspielhauses St. Pölten komponiert und sollte eine sinnvolle Ergänzung zum zweiten Teil des Konzerts darstellen, Felix Mendelssohn-Bartholdys Symphonie-Kantate „Lobgesang“ aus dem Jahr 1840. Dieses Oratorium-artige Werk vertont Worte der Heiligen Schrift und stellt für mich aus heutiger Sicht ein befremdlich monumental-affirmatives Gotteslob dar. Ausgerechnet auf dieses 170 Jahre alte, selten gespielte Musikstück kompositorisch zu reagieren, erschien mir als eine Aufgabe, die ziemlich quer zu unserer Zeit und ihren musikästhetischen Moden steht. Mich mit diesen ersten Reflexen auseinanderzusetzen und individuelle Lösungen zu finden (z.B. durch das Aufbrechen musikalischer Gesten des Repräsentativen) war nicht einfach.

Einen wichtigen Impuls für die Gestalt der Komposition gab ein Gespräch mit Andrés Orozco-Estrada. Er, der als Kolumbianer einen ganz anderen Blick auf die Stilistik mitteleuropäischer zeitgenössischer Musik hat, stellte keck die Frage, warum ein großer Teil hiesiger Musik so düster, vergrübelt und zersplittert sei, während es der Mehrheit der Menschen materiell und sozial so gut gehe wie nie zuvor. Historische Gründe alleine reichen nicht aus, um die Scheu vor dem Positiven und Ungebrochenen, die sich in etlicher zeitgenössischer Musik Mitteleuropas mitteilt, zu erklären. Er wünschte sich als Gegengewicht zu dieser Tendenz ein Stück, das sich um Geschlossenheit und Vitalität bemüht und vorgegebene Rahmen intelligent, authentisch und lebendig ausfüllt. Dieser Wunsch kam meinem eigenen Bedürfnis entgegen, mich zu distanzieren von einer Art klischeehafter zeitgenössischer Musik, die nur aus Bequemlichkeit mit dem Bruchstückhaften und Undeutlichen flirtet.
Um ein auf seine Weise zeitgemäßes Gegenstück zu „Lobgesang“ zu schreiben, war es nötig, nach unmittelbar nachvollziehbaren Kongruenzen zu suchen. Mendelssohn stellt seinem „Lobgesang“ eine einstimmige Posaunenlinie voran, die mit instrumentalen Mitteln eine wichtige Chorpassage „Alles was Odem hat, lobe den Herrn“ vorausnimmt. Auch „Cantus firmus“ geht von einem musikalischen Motto aus. Einer ganz schlichten Linie, die vom Chor a capella gesungen wird und im Weiteren als instrumentaler Cantus firmus den „Steinbruch“ für alle melodisch-harmonisch-rhythmisch-formalen Entwicklungen des Stücks darstellt und Zusammenhänge stiftet. Dabei versuchte ich, das Korsett des Symphonischen im Hinterkopf zu behalten, aber ahistorisch und rein formal zu denken. Zunächst in einer Einleitung Ideen konfigurieren, die aber noch nicht ausgeführt werden; in einem Hauptsatz dann die Vermittlung und Verwandlung deutlich wiedererkennbarer musikalischer Gestalten, um dann in einem langsamen Teil anders beleuchtet, sozusagen gelöst – linear ausgebreitet zu werden. Am Schluss endlich eine Verdichtung durch die Kombination der musikalischen Hauptideen des ganzen Stücks.
Mein „Cantus firmus“ ist ein Versuch, mit den Sprachmitteln der zeitgenössischen Musik durch Arbeit an der Form zu einer musikalischen Aussage zu finden, die etwas mit meiner persönlichen Gegenwart zu tun hat.
(Gerald Resch)

Dauer: 23 Minuten

2 Flöten (Piccoloflöte), 2 Oboen (EnglischHorn), 2 Klarinetten (Bassklarinette), 2 Fagott (Kontrafagott), 4 Horn, 3 Trompeten, 3 Posaunen, 1 Tuba, Percussion (Vibraphon, 4 Woodblock, Tamtam, Xylophon, Marimba, 4 Templeblock, 4 Bongos, Triangel, Glockenspiel, Röhrenglocken, 4 Tomtoms, Hi-Hat), Harfe, Pianoforte, Chor (ad libitum- 4 Sopran, 4 Alt, 4 Tenor, 4 Bass), 14 Violine I, Violine II, 10 Viola, 8 Violoncello, 6 Kontrabass

Standardbild

: 2010

Uraufführung:

01.10.2010, Musikverein Wien

:

Festspielhaus St. Pölten

:

Partitur

:

Forum Zeitgenössische Musik

Verlag:

Doblinger
Wien, München
Verlags-Nr.:D. 20011