umwebt von leisem schatten

Die Idee zur inhaltlichen Konzeption des Stückes entspringt der Beschäftigung mit den poetischen Texten des französischen Symbolisten Stéphane Mallarmé. Das Hauptwerk Mallarmés ‘Un coup de dés jamais n'abolira le hasard’ liefert den Grundstein für mein neues Werk.

Dieses der Tradition der visuellen Poesie nahe stehende Gedicht ist ein Drama dreier Kräfte:

1.der Meister (personifiziert den Menschen und den Dichter)
2.der Zufall (das franz. Wort „hasard“ bezeichnet im Arabischen das Würfelspiel), der den dem Menschen zugefügten chaotischen Weltengang darstellt, und als dritte Kraft
3.das Sternbild am Himmel, Symbol für ewige Schönheit und Harmonie.


Inhalt des Gedichts

Sujet ist ein Seestück, eines der dramatisch-unheimlichen Art, wie es etwa Poe schon thematisiert hatte. Allerdings löst sich bei Mallarmé „alle fest umrissene reale Kontur auf und zerfließt in andere Imaginationsbereiche“ (1). Der Meister, aus uraltem Traum erwacht, steuert sein Schiff durch ein sturmgepeitschtes Meer. Mit dem Würfelwurf und der Idealzahl sechs könnte er dem Sturm Einhalt gebieten und die Welt ins Zeitlose gleiten lassen. Mit starr ausgestrecktem Arm, die Würfel in der geballten Faust, zögert der Meister, denn auch ein gelungener Wurf würde den Zufall niemals auslöschen, da er selbst Zufall wäre. In tatenloser Lähmung ergibt er sich seinem Geschick und lässt sich vom Sturm über das Meer peitschen. Als dritte Kraft kommt nun das Sternbild am Nordhimmel ins Spiel, dessen sieben Sterne - antiken Sagen nach -, sieben Weise sind, die das Geheimnis der Schöpfung kennen. Die sieben sprengt dabei die Beschränktheit der sechs Würfelzahlen und damit die vom Zufall beherrschten Grenzen. In der vom Zufall bestimmten Welt kann der Mensch keinen Sieg über den Zufall erringen. Auch wenn der Meister den Würfelwurf gewagt hätte, wäre doch nichts anderes herausgekommen als der Zufall.


Darstellung des Gedichts

Der Text wird in der Art eines Figurengedichtes großzügig in Fragmenten auf den Seiten verteilt, wobei dem Weiß zwischen den einzelnen Wörtern und Wortgruppen, eine bedeutende Rolle zuteil wird – die Versgestaltung verlangt es als eine umgebende Stille und öffnet so den Raum für die sinnliche Imagination des Lesers. Weiters werden zur Präsentation des Textes unterschiedliche Drucktypen verwendet. Dadurch lassen sich innerhalb des gesamten Werkes verschiedene, ineinander montierte "Untertexte" unterscheiden.

Der Text ähnelt somit einer Partitur, die dem Leser/Sprecher detaillierte Anweisungen bezüglich Betonung, Lautstärke, Tempo, Stille, etc. gibt.

Das vorherrschende syntaktische Konstruktionsprinzip ist die Parenthese. Auf der obersten hierarchischen Ebene befindet sich der Hauptsatz, ‘Un coup de dés jamais n'abolira le hasard’. Dieser wird dabei durch Einschübe - die ihrerseits durch Parenthesen unterbrochen werden - in vier Segmente unterteilt und muss dem Leser stets gegenwärtig sein.

„So tauchen, eingespannt in die verschiedenartigsten Bezüge und in kaleidoskopische Wechsel, immer wieder neue Gedanken, Motive, neue Bilder auf und lassen ein komplexes hierarchisch gestaltetes Textgeflecht entstehen, eine vielstimmig orchestrierte Partitur gleichsam.“ (2)

Diese Kombination verschiedener Bilder führt zu einer faszinierend sinnlichen Verräumlichung und dazu, dass die Vorstellungen des Lesers ständig mehrdimensional aufgebrochen werden. Dieser Vorgang produziert ein ständiges Pendeln der sinnlichen Wahrnehmung zwischen mehreren Bildebenen.


zur Musik

Im Schlussabschnitt des Mallarméschen Gedichts korrespondieren Poesie und Sternenhimmel miteinander. In einer Passage spricht Mallarmé von „Une Constellation“, einer ganz bestimmten Konstellation: jener des Polarsterns mit dem Sternbild des kleinen Bären. Im Text findet sich diese reale Konstellation gespiegelt wieder.

„Der Text erweist sich als spiegelverkehrtes Abbild des gestirnten Himmels, auf den er projiziert ist“ oder anders gesprochen „die Sternenzone, die sich um den Polarstern dreht, ist abgeprägt als graphisches Negativ auf der Buchseite. Die weiß funkelnden Sterne entsprechen den schwarzen Wörtern und das Schwarz des Himmels entspricht dem Weiß der Seite.“(3)

Dem tosenden, sturmgepeitschten Meer setze ich in den Büchern II und IV musikalisch die „innere Stille, das Zögern, die leise Erinnerung“ des alten Meisters entgegen.

- sehr leise, mikrotonale, in sich bewegte, sich langsam verändernde Klangflächen – kurze, charakteristische Klanggestalten – Ruhepole – Geräusch versus Ton – Stille – aufgebrochene Kontinuität – Bewegung versus Stillstand.

Reinhard Fuchs, August 2004



Violine I, Violine II, Viola, Violoncello

Standardbild

: 2004

Uraufführung:

17.11.2004, Festival Wien Modern

:

Wien Modern

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Partitur

:

Forum Zeitgenössische Musik

Verlag:

Edition 21
Wien
Verlags-Nr.:Ed21 RF 014