Spiegelgrund

Oper

Diese Oper ist ein Andenken an meinen Urgroßvater Karl Posch. Er wurde von den Nazis verschleppt, durch die KZs geschleift und in Buchenwald in den Tod gequält. Geboren am 25.10.1873, polizeiliche Sicherungsverwahrung und Einweisung nach Dachau am 17.6.1938, Überstellung nach Mauthausen am 26.8.1938, erneute Einweisung nach Dachau von Mauthausen am 8.5.1939, Überstellung nach Buchenwald aus Dachau am 26.9.1939, Tod am 16.12.1939 im Block 32 in Buchenwald. Sterbeurkunde vom 18.3.1940. Aus Versehen (sic!) zwei Häftlingsnummern: 16220/33333. Die nichtgeweinten Tränen der Familie sind hier in der Partitur.
Spiegelgrund. Mit dieser Oper bin ich wieder zu den Nazis zurückgekehrt. Bildlich gesprochen. Nach vielen Jahren musste ich mich wieder mit diesen Irren beschäftigen. Nein, durfte ich mich beschäftigen. Denn die Arbeit an der Oper hat mich wieder in einen großen Sog gezogen, so wie schon bei den anderen Arbeiten zu und über den Nationalsozialismus: "Bellum Docet Omnia" als Chorinstallation mit dem Ungarischen Nationalchor (Festival der Regionen, 1993), "Komplizierte Tiere", die Kammeroper über die Ermordung Erich Ohsers durch die Nazis (Text um Musik) am Vogtlandtheaters Plauen (1993), die Filmmusik zu "Hasenjagd" von Andreas Gruber (1994), "Die Aches des Ofens" als multimediales Landschaftstheater in der Voest in Linz zur Absiedlung des Ortes St. Peter bei der Gründung der Hermann Göring Werke (Festival der Regionen, 1995), "An wen soll ich schreiben, an Gott?" Musik zum Theaterstück von Karl Fallend am Landestheater Linz 2002. Nicht ohne Grund waren nahezu zehn Jahre Pause dazwischen. Denn der Sog kann einen auch umbringen.
Spiegelgrund ist auch eine märchenhafte Metapher: Der Grund des Spiegels, der Spiegel am Grund des Brunnens. Das Wort hat die Kraft, Himmel und Hölle zu umschließen, denn Spiegel sind auch Fenster in eine andere Welt. Sie sind ein Instrument der Bewusstwerdung. Im mythischen Zaubespiegel sieht der Mensch oft nicht einfach sein Abbild, sondern sein Gegenbild, seinen Schatten. Spiegel, Auge, Seele und Schatten sind verwandt. Die Bedeutungspalette von Grund stellt sich als unüberschaubar dar: das Grobkörnige, der Boden ist genauso eingeschlossen wie der Grund, das Tal, das Innerste, das Wesen. Und im Grunde zeigt der Spiegel immer auf uns selbst zurück. "Was hättes Du getan?", fragt er.
In den vielen Gesprächen mit Thomas Kerbl haben sich nach und nach drei Sphären herausgeschält. Das Gesetz, das Kinderlied und die Erinnerung. Jede Sphäre kommt drei Mal vor und jedes Mal singt ein anderer Darsteller. Das Gesetz wird ausgeführt von Sopran, Bass und Kind. Bei Kinderlied und Erinnerung ist es ebenso. Es verweist darauf, dass jeder alles sein könnte. Eben: was hättest Du getan? Und wir hören das Quietschen des zweirädrigen Karrens, den der Hausarbeiter am Spiegelgrund vorbeizog: lauter kleine, tote Kinder! Wie weggeworfene Puppen lagen sie kreuz und quer ... So gesehen ist diese Oper ein Tryptichon. Drei Sphären, drei Sänger, drei Tafeln. Jede Tafel beinhaltet jede der drei Sphären in jeweils anderer Besetzung, eingeleitet mit dem Rezitativ.
Die von Lykurg für Sparta geschriebenen Gesetze übten großen Einfluss auf die Ideologie der Nationalsozialisten aus. "Sparta ist der klarste Rassenstaat der Geschichte" sagte Hitler, ... "seinen Erfolgen sollte nachgeeifert werden". Von Plutarch und Xenophon überliefert, bildeten die Texte eine direkte Vorlage für den nationalsozialistischen Erb-, Züchtigungs- und Euthanasie-Wahn. Das Kinderlied "Kommt ein Volgel geflogen" dient als Metapher der Kindheit. Träume und Wünsche sind hier aufgefächert. Das Lied entpuppt sich aber auch als Spiegel des Horrors, die naiv anmutende Melodie steht in Dur, meint aber Moll, -- wie bei Schubert. Die Erinnerung orientiert sich an Berichten Überlbender, um die Sprachlosigkeit zu überwinden. Es braucht lange, bis die grauenhaften Worte gefunden sind.
Der Gedanke, dass jeder alles sein könnte, ist nicht so weit hergeholt. Die Misshandlung von Kindern hat in Österreich wahrscheinlich bis heute System. Zum Glück nicht mit der tödlichen Konsequenz wie im Spiegelgrund. Doch das Kind als Objekt von Agression, Missbrauch, Vernachlässigung ist leider allgegenwärtig. Viele Veröffentlichungen in letzter Zeit belegen das. Trotzdem singt auch das Kind das Gesetz. Es ist schwer vorzustellen, aber selbst das Kind kann die Rolle des Täters einnehmen. Denken wir nur an die tausenden Kindersoldaten. In der Erinnerung ersteht das Kind neuerlich. Es ist ausgeliefert einem undurchschaubaren System, das jeden einzelnen (miss)braucht, um zu überleben. Genauso wie Igor Caruso. Die Diskussion in Karl Fallends Zeitschrift "Werkblatt" (Nr. 60/2008 und Nr. 64/2010) über Carusos Rolle am Spiegelgrund diente als Anlass für die ersten Gespräche. Die mündeten zunehmend in ein Meer an Texten, beginnen bei Karl Fallends Bericht über die Erinnerungen von Johann Gross an den Spiegelgrund (Spiegelgrund.Ueberreuter Verlag, 2000)im Spectrum der Presse (25.3.2000) und endet beim heute - am Tag der Fertigstellung der Partitur - erscheinenden Buch "Tatort Kinderheim - Ein Untersuchungsbericht" von Hans Weiss (Deuticke Verlag), von dem ebenfalls in der Presse zu lesen war (18.9.2012). Ein Kindergulag. Vielleicht bis heute.
An erster Stelle ist Thomas Kerbl zu nennen. Einmal weil auf ihn die Idee der Oper zurückgeht. Dann weil er in den Diskussionen die Sache richtig vorantrieb. Auch gemeinsam mit Alexandra Diesterhöft, die an der Anton Bruckner Privatuniversität die Masterarbeit über die Entstehung von "Spiegelgrund" verfasst und eine Menge Material gefunden hat. Dann Karl Fallend,- danke für die Informationen! Bernhard Doppler hat sich richtig hineingeworfen in die spartanische Welt. Aber auch in die Welt der Nazis mit ihrem Sparta - Wahn. Tief bin ich in seiner Schuld. Auch Silke Dörner, die mir mit großem Können wieder in kürzester Zeit die Textvorlagen zu den Erinnerungen und einigen Rezitativen verfasste. Danke! Und - auf Vermittlung von Otto Rafetseder - Susanne Guld, die in der Wiener MA 24 für die Erinnerung beim Spiegelgrund zuständig ist. Sie hat noch pragmatische Informationen beigesteuert. Auch an sie den herzlichsten Dank. Verena Lafferentz und Hubert Hawel gegleiten mich immer mehr in meiner Arbeit, hier bei vielem tätig, aber auch bei der Herstellung des Quietschens der Karrens zur Einspielung. Schließlich Bernd Preinfalk, der wieder einmal das Aufführungsmaterial erstellte. Grazie per tutti!
Die Arbeit an dieser Partitur war besonders hart. Einmal weil ich schon so lange nicht mehr komponiert hatte, andererseits weil ich in einer existenzbedrohenden wirtschaftlichen Situation stecke. Einige Lebensretter haben mich aufgefangen: Mein Bruder, Günther Androsch, Michael Klügl, Martin Winkler, Thomas Kerbl, Wolfgang Pfeil, Klaus Luger, Philipp Olbeter, Peter Mitterbauer und Peter Leisch. Jeder von ihnen weiß, was ich meine. Danke von Herzen! Und meine Familie - meine Frau Gigi, die mir die wichtigste Ratgeberin ist, und meine Kinder Helene "Lili" und Paul - schließe ich in die Arme. Und natürlich meine Mutter Helene, die uns unterstützt und das Leben erleichtert. Danke!
SChlussendlich ein großer Dank an die Präsidentin des Nationalrats, Barbars Prammer, die ermöglicht hat, dass die Oper im Parlament in Wien uraufgaführt wird. Und Lilli Gneisz und Gerhard Marschall ebnen im Parlament die Wege. Ohne diese drei wären Entstehung und Uraufführung von "Spiegelgrund" nicht möglich geworden.
Peter Androsch / November 2012





"Darsteller": Sopran, Bass, Kind, Sprecher
Orchester: Holz-Querflöte, Cembalo, Schlagwerk, CD-Spieler (zur Einspielung des Quietschens des "Toten"karrens, Cenceros (c1, cis1), Glockenspiel, Gong (d), Schellenring, Sizzle-Becken, Schlagrassel, Vibraphon, 1.u.2. Violine, Viola, Violoncello, Kontrabass

Standardbild

: 2012

Uraufführung:

10.12.2012, Parlament Wien

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Partitur

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Forum Zeitgenössische Musik